Plattenbau

Um Raum zu definieren, braucht es Grenzen. Mit ihr gibt es ein Innen, ein Außen, ein Dazwischen. Die Grenze kann dünn oder dick sein und so zu einem eigenen Objekt werden. Ihre formale Ausprägung steht in Wechselwirkung mit dem Raum bzw. dem Zwischenraum. Seine Wirkung ist gestaltbar und kann ruhig, dynamisch, einfach, komplex oder eine Kombination aus allem sein.

Das Zusammenspiel von Objekt und Raum lässt sich sehr gut an den minimalistischen, geometrischen Arbeiten des spanischen Keramikers und Bildhauers Enric Mestre (1936–2026) studieren. Seine Formen erzeugen mit wenigen, rationalen Geometrien eine poetische Ausdruckskraft und spannungsvolle Räume - Mestre selbst sprach davon, dem Rationalismus einen poetischen Einschlag geben zu wollen. Manche seiner Räume sind visuell zugänglich, andere bleiben im Volumen verborgen und existieren nur in unserer Vorstellung.

Kleine Öffnungen zeigen die Zugänge dazu. Zusammen mit Aussparungen, Additionen und den Proportionen erinnern sie an architektonische Objekte. Wir sind versucht, sie als Modell, als dreidimensionales Abbild einer wesentlich größeren Situation, zu sehen. Diese Wirkung wird in der Regel durch die ebenen Oberflächen unterstützt. Oft scheint ein Kubus oder eine Platte der Ausgangspunkt zu sein, der durch Subtraktion und Addition zu einer aussagekräftigen Komposition wird. Wenige präzise Abweichungen vom Orthogonalen führen zu Spannung. Sie scheinen auf einen Kontext zu reagieren, der uns verborgen bleibt. Tatsächlich hatte dieser Kontext einen Ort: die Huerta um Mestres Heimatort Alboraia bei Valencia – Bewässerungskanäle, Mauern, Feldwege, Industriehallen. Seine Architekturen sind Abstraktionen dieser alltäglichen, namenlosen Baukunst, übersetzt in schamottiertes Steinzeug, Platte für Platte aufgebaut, bei etwa 1280 °C gebrannt. Es sind Architekturen, die niemand betreten kann: „Arquitecturas para la mirada“ - Architekturen für den Blick.

In diesem Semester möchten wir unter dem Titel „Plattenbau" keramisch arbeiten. Ausgangspunkt ist - wie bei Mestre - die Platte: das einfachste tektonische Element, zugleich Grenze, Wand und Werkstoff. Aus Tonplatten entstehen Volumen, die Raum umschließen, verbergen oder nur behaupten. Wir beginnen am Material. Ton ist verwitterter Stein - plastisch, formbar, geduldig, aber unerbittlich: er trocknet, schwindet, reißt und wird erst im Brand unumkehrbar fest. Ein Material, das Verantwortung und eine kontinuierliche Auseinandersetzung auch von den Studierenden verlangt. Genau darin liegt seine gestalterische und künstlerische Qualität: Die Form entsteht im fortwährenden Dialog mit dem Stoff.  Um das Material von Grund auf zu begreifen, führen uns eine Exkursion und ein Workshop zu Beginn des Semesters an seinen Ursprung - zum Ziegelwerk Nicoloso in Pottenbrunn (NÖ). Mit diesen Erfahrungen entwickelt jede und jeder über das Semester hinweg im Sinne unserer Aufgabenstellung eine eigene keramische Arbeit - über Entwürfe, Skizzen, Studien, Proben, Entscheidungen, Trockenphasen und Brände.

Die entstandenen Objekte werden im Jänner in einer gemeinsamen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.

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