Kunst- und Kultursoziologie

LVA 258.036 Wahlseminar, 3h, S 2011

Le Corbusier: Arbeitersiedlung Lège 1927, 1967 fotografiert von Philippe Boudon
Semesterthema 2011:  "Wie der Architekt sich's dachte, und was der Bewohner daraus machte"   

Transformation, Veränderung, Wandel - Wiener Wohnbauten revisited

Häuser sind immer schon verändert, umgenutzt und adaptiert worden. Das gilt für die anonyme Architektur des Alltags genauso wie für berühmte Gebäude der Architekturgeschichte. Dennoch ist die Auffassung, dass ein Haus so bleiben müsse, wie es gebaut und von seinem Entwerfer intendiert wurde, weit verbreitet. Viele ArchitektInnen sichern sich inzwischen auch vertraglich gegen eine nutzerseitige „Verunstaltung“ der von ihnen entworfenen Bauten ab. Diese Haltung zum "Original" ist nicht unabhängig vom Architektur-Diskurs zu sehen: Architekturzeitschriften zeigen Gebäude immer nur unmittelbar nach Fertigstellung (also "rein", ohne Menschen und deren Gebrauchspuren) und nicht, wie diese nach 5, 10, 20 oder mehr Jahren aussehen. Weil das so ist, interessieren wir uns in diesem Seminar für das "Danach", dafür, wann und wie Häuser an die Bedürfnisse und den Geschmack der BewohnerInnen angepasst wurden.
 
Wir wenden uns dabei Wohngebäuden (Einfamilienhäuser und soziale Wohnbauten) von bekannten ArchitektInnen im Wiener Raum zu, die vor etwa 20 Jahren in Fachjournalen publiziert wurden. Der erste Schritt wird sein, Objekte mit ausgesprochen künstlerischem Anspruch (ev. Spezialfälle der Kollaboration von Architekten und bildenden Künstlern) auszuwählen, aufzusuchen und zu fotografieren, um sodann den Jetzt-Zustand mit dem Original-Zustand zu vergleichen. Die Beschäftigung mit dem Material schließt auch eine Auseinandersetzung mit feldinternen Rezeptionsnormen und Fragen der Mediatisierung ein. Im zweiten Schritt wollen wir das Nutzer-Architekten-Verhältnis analysieren, also die verschiedenen z.T. konfligierenden Absichten, Wertungen und Präferenzmuster beleuchten. Grundlage dafür sind Gespräche mit BewohnerInnen und ArchitektInnen. Im dritten Schritt soll ein eigener Standpunkt zu der Frage entwickelt werden, ob und inwieweit gestalterische Freiheiten seitens der BewohnerInnen zu tolerieren sind und welche Konsequenzen sich daraus jeweils für die architektonische Praxis ableiten.
 
Die von einem Fallbeispiel ausgehende Beschäftigung mit soll in einen Text münden, der mind. 40.000 Zeichen umfasst.
Ziel der Lehrveranstaltung: Die Studierenden sollen einen Blick für Prozesse der Aneignung von Architektur entwickeln, insgesamt ein von Veränderung geprägtes Verständnis von Architektur, aber auch einen eigenen Standpunkt zu der moralisch-ethischen Frage, wie viel an Vorschrift und avancierter Ästhetik den NutzerInnen im sozialen Wohnbau zuzumuten ist.

Betreuung

Termine

Einführung: Mittwoch, 9.03.2011, 16:00 Uhr

Jeweils Mittwoch, 16-18:30 Uhr

Ort

Bibliothek Inst. 264/2
Stiege1, 4. Stock
Karlsplatz 13, 1040 Wien
 

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